Predigt über Markus 12, 28 – 34
Gehalten am 23. Oktober 2011 in der Evang. Kirche Spielberg
von Pfarrer Theo Breisacher

28 Und es trat zu Jesus einer von den Schriftgelehrten und fragte ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?

29 Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, 30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« (5. Mose 6,4-5).

31 Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer Gott außer ihm; 33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.
34 Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes.
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Liebe Gemeinde, bei Hausbesuchen höre ich immer wieder den Satz: „Das Wichtigste am christlichen Glauben ist die Nächstenliebe!“
Um das zu erläutern, sagen dann viele: „Wissen Sie, Herr Pfarrer, ich muss nicht jeden Sonntag in die Kirche springen oder ständig in der Bibel lesen. Auf die Nächstenliebe kommt es an. Dass man hilfsbereit ist und gerecht. Und dass man allen Menschen hilft, wo man kann. Das ist doch die Hauptsache am Glauben!“

Ich reagiere in solchen Situationen immer etwas zögernd. Denn wer wollte hier widersprechen: Natürlich soll sich unser Christsein in praktischer Nächstenliebe bewähren.

Auf der anderen Seite: Fehlt da nicht noch etwas Wichtiges? Wenn es sich ergibt, versuche ich deshalb im Gespräch daran zu erinnern, dass Jesus doch bewusst dieses doppelte Gebot als das Allerwichtigste bezeichnet hat: den Nächsten zu lieben, aber zugleich Gott zu lieben von ganzem Herzen.

Manchmal macht mich der weitere Verlauf der Unterhaltung dann aber richtig traurig: Die einen erzählen vom Nachbarn, mit dem man schon seit Jahren im Streit lebt. Andere erzählen von Geschwistern, die sich jahrelang aus dem Weg gehen, weil es da mal eine alte Verletzung gab. Oder dass man Wohltätigkeits-Organisationen schon lange nichts mehr spenden würde, weil da mal vor Jahren ein Leiter einer Organisation in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte.

Bei solchen Aussagen bin ich dann doch etwas irritiert. Vor allem, wenn ich an den steilen Satz vom Anfang des Gesprächs denke: „Das Wichtigste am Glauben ist die Nächstenliebe“.

Denn man fragt sich unwillkürlich: Was ist das für eine Liebe, der so schnell der Atem ausgeht? Wenn man so schnell mit den andern fertig ist, die einem unrecht getan oder einen beleidigt haben? Wenn man so wenig Geduld und Verständnis für seine Nächsten aufbringt, wenn sie sich etwas wunderlich verhalten? Was ist das für eine kurzatmige Nächstenliebe?
Es gibt bei solchen Besuchen allerdings auch das andere, das ehrliche Eingeständnis: „Herr Pfarrer, ich kann das nicht, den Nächsten so zu lieben wie mich selbst. Bei manchen vielleicht. Bei Freunden und guten Bekannten. Bei Leuten, die mir sympathisch sind. Aber bei vielen anderen schaff ich das nicht: Wenn sie mir das Leben schwer machen oder mich ungerecht behandeln. Solche Menschen kann ich nicht lieben!“...

Bevor wir weiter darüber nachdenken, möchte ich Ihnen an dieser Stelle eine kleine Geschichte erzählen:

An einem wunderschönen Morgen schwebte eine Spinne scheinbar schwerelos durch die Luft langsam nach unten. Sie hing an einem festen Faden, der hoch über ihr an einem dicken Ast befestigt war. Unten im Gebüsch angekommen, fing sie an, ihr Netz zu bauen. Immer dichter und fester wurde es im Laufe des Tages – ein richtiges Kunstwerk. Bis zum Abend hatte sie zahlreiche Insekten damit gefangen.

Als es Abend geworden war, lief die Spinne die einzelnen Fäden ihres Netzes noch einmal ab, um sie auszubessern. Da entdeckte sie auch wieder den Faden nach oben, an dem sie morgens heruntergeschwebt war. Angestrengt schaute sie nach oben, konnte aber beim besten Willen nicht erkennen, wozu dieser eine Faden gut sein sollte. Also biss sie ihn kurzerhand ab, weil sie ihn für überflüssig hielt. Aber kaum hatte sie das getan, fiel das ganze Netz in sich zusammen und riss die Spinne mit sich in die Tiefe.

Liebe Gemeinde, möglicherweise ist draußen in der Natur keine Spinne so dumm, so etwas zu tun. Ich weiß es nicht; ich bin kein Biologe. Vielleicht haben die Tiere das in ihrem Instinkt, dass ein solcher Faden nach oben eine entscheidende Bedeutung hat.

Aber ich glaube, die Menschen machen diesen Fehler oft hundertfach: Sie streichen einfach die Hälfte von dem doppelten Gebot Jesu – und wundern sich, wenn es mit der Nächstenliebe nicht so richtig rund läuft.

Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten müssen eine Einheit bilden, sagt Jesus. Warum ist das so? Warum liegt Jesus so viel daran, dass beides nicht auseinander gerissen wird?

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass der zweite Teil dieses doppelten Gebotes nur sehr knapp formuliert ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Demgegenüber ist der erste Teil sehr viel ausführlicher: „Der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften“.

Weil Gott einzigartig ist, weil er der Einzige ist, der sich überhaupt „Herr“ nennen darf, beansprucht er auch den ganzen Menschen. Unser Denken, unser Fühlen und Empfinden, unser Wollen, unsere Motivation – alles, was uns antreibt und umtreibt, soll bestimmt sein von unserer Liebe zu Gott.
Und vielleicht ist dieser erste Teil deshalb so ausführlich, weil wir hier gerne ausweichen. Weil wir oft nicht möchten, dass Gott uns so nahe kommt und uns für sich in Anspruch nimmt.

Dabei liegt genau hier der Schlüssel für die Nächstenliebe. Denn wer sich darauf einlässt, bei dem geschieht etwas höchst Bedeutsames: Indem man sich von der Liebe Gottes mehr und mehr ergreifen lässt, sieht man zugleich auch seine Mitmenschen mit anderen Augen.

Man sieht, wie Gott auch die Menschen so unendlich lieb hat, die einem das Leben schwer machen. Man sieht, wie unermüdlich sich Gott auch um die Menschen bemüht, die man selber überhaupt nicht lieben kann.

Auch diese Menschen liebt Gott. Auch für diese Menschen hat sich sein Sohn Jesus Christus geopfert. Auch diese Menschen hat Gott noch längst nicht abgeschrieben – auch wenn wir vielleicht den Stab über ihnen gebrochen haben und nichts mehr mit ihnen zu tun haben möchten.
Liebe Gemeinde, Gott liebt so ganz anders als wir Menschen. Im Grunde lässt uns Gott im sogenannten Doppelgebot der Liebe in sein Herz blicken. Denn er verlangt nichts von uns, was er nicht selber tun würde. Gott liebt auch die Menschen, die wir als schwierig bezeichnen.

Gott lässt uns in sein Herz blicken. Aber indem wir das tun, indem wir Gott ins Herz schauen und uns von dieser Liebe Gottes berühren lassen, verändert sich auch unser Herz: Wir werden selber mit der Zeit weicher und empfindsamer, barmherziger und geduldiger. Sicher nicht von heute auf morgen. Aber doch ganz allmählich – weil Gottes Liebe uns nicht mehr loslässt. –
Vor einigen Jahren stand folgende, etwas ungewöhnliche Todesanzeige in den BNN: „Sie wollte hoch hinaus. Sie wollte ein anderes Leben. Sie hatte die Gemeinschaft verlassen. Sie prozessierte aus Passion. Sie hat den großen Prozess verloren. Sie ist tot. Oh Herr, lass sie ruhen in Frieden.“ Ihr Ehemann hatte es in der Todesanzeige so formuliert. Und ich musste denken: Was mag da wohl alles gelaufen sein an Streit und Verletzungen? Was mögen sich die beiden zu Lebzeiten wohl alles angetan haben, dass es zu einer solchen Todesanzeige kommt?

Aber vermutlich brauchen wir gar nicht so weit zu gehen. Vielleicht finden wir ähnliche Geschichten und Erlebnisse auch bei uns und in unserem Leben. Und dann das Gebot Jesu auch für solche Situationen: „Du sollst deinen Nächsten lieben! Auch diesen Nächsten sollst du lieben!“

Da merkt irgendwann wahrscheinlich jeder: „Das pack' ich nicht! Das schaff ich nicht aus eigener Anstrengung! Wenn überhaupt, dann nur durch diesen „Faden nach oben“. Dadurch, dass wir Gott ins Herz blicken und auch diesen – für uns schwierigen - Menschen versuchen, mit den Augen Gottes sehen.

Liebe Konfirmanden, ich möchte euch einen kleinen Trick verraten: Auch ihr habt wahrscheinlich solche Kameraden, die ihr gut leiden könnt, aber auch solche, die euch gestohlen bleiben können. Auch ihr steht immer wieder vor der Frage: Wie schaffe ich das, einem Schulkameraden wieder die Hand zu geben, der mich beleidigt hat?

Mein Vorschlag: Fangt doch an, für diesen schwierigen Schulkameraden zu beten. Fangt einfach an, für ihn oder für sie zu beten.

Jetzt fragt ihr vielleicht: Was soll daran so besonders sein? Ganz einfach: Wenn ihr beten wollt, müsst ihr eure Fäuste öffnen. Mit geballten Fäusten kann keiner die Hände falten.
Probiert’s aus! Ich bin mir ziemlich sicher: Eure Gefühle werden sich verändern. Nicht von heute auf morgen. Aber ganz allmählich. Und auch wenn der andere nicht gleich euer bester Freund oder eure beste Freundin wird, wird eure Wut vermutlich nachlassen oder euer Hass oder die bösen Gedanken über ihn. –

Einen Menschen zu lieben, heißt, ihn mit den Augen Gottes zu sehen: Wir überfordern uns, liebe Gemeinde, wenn wir aus eigener Kraft unsere Nächsten lieben möchten. Wir überfordern uns, wenn wir nicht zugleich auch den Ort kennen, an dem wir Kraft schöpfen können.

Oder – und das ist leider oftmals die andere Reaktion: Wir machen Abstriche von dem Gebot der Nächstenliebe. Wir reduzieren dieses zentrale Gebot Jesu auf „nett sein“ und „freundlich sein“, weil uns zu mehr einfach die Kraft und der Willen fehlt. –

Vor einigen Jahren ist die bekannte Mutter Teresa gestorben. Sie wurde als „Engel der Nächstenliebe“ bezeichnet. Unter extremen Bedingungen hat sie mit ihren Schwestern jahrzehntelang die Ärmsten der Armen in Kalkutta gepflegt und ihnen ein würdiges Sterben ermöglicht.

Für Mutter Teresa war die Nächstenliebe ohne Frage das entscheidende Lebensmotto. Aber gerade sie wurde nicht müde, auch von diesem „Faden nach oben“ zu sprechen. Sie wusste ganz genau: Ohne eine intensive Beziehung zu Jesus Christus läuft sich die Nächstenliebe tot. Oder wir überfordern uns und machen uns selber irgendwann kaputt. Mutter Teresa schrieb einmal: „Mein Orden wird nur so lange lebendig und wirksam bleiben, solange die Schwestern diese Hingabe an Jesus und die Hingabe an die Armen behalten.“ –

Liebe Gemeinde, das ist der entscheidende Punkt: Hingabe an Jesus und Liebe zu unseren Mitmenschen: Reißen wir doch nicht auseinander, was zusammen gehört!

Lassen wir es zu, dass Gott uns in doppelter Weise anspricht und herausfordert: Ihn lieben und den Nächsten lieben. Beides von ganzem Herzen. Ohne Abstriche und ohne faule Kompromisse.

Weichen wir doch nicht aus, wenn Gott uns ganz persönlich anspricht: „Schenke mir dein Herz! Lass mich in dein Leben! Gib mir deine leeren Hände – gib mir deine Unfähigkeit zur Liebe – gib mir deine Ungeduld. Ich kann dein Leben reich machen.“ So fängt Gott in unserem Leben zu wirken an, wenn wir uns für ihn und für seinen Geist öffnen.

Und erst in einem zweiten Schritt kommt dann die Aufforderung: „Jetzt sollst du auch deinen Nächsten lieben.“ Aber nicht als Pflicht, die einen überfordert, sondern letztlich als ein Versprechen Gottes: „Du kannst es! Du kannst es deshalb, weil dich meine Liebe trägt!“ Amen.

Pfarrer Theo Breisacher

Nächstenliebe und Gottesliebe gehören zusammen
Februar 2012
>> www.hoffenundhandeln.de