Wunder und Naturgesetze – ein Widerspruch?
Wunder sind nicht möglich, denn sie widersprechen den Naturgesetzen – so lautet ein zentrales Argument in der Debatte zwischen Naturwissenschaft und christlichem Glauben. Doch Naturgesetze schließen ein Eingreifen Gottes in die Welt nicht aus, wie der Physiker Prof. Ralf B. Bergmann erklärt. Hier sein Beitrag gekürzt.
Ein Wunder ist ein Eingreifen Gottes in die Welt, das zu Ergebnissen führt, die ohne dieses Eingreifen nicht zustande gekommen wären. Gott greift der Bibel zufolge sehr vielfältig in die Welt ein, etwa durch Eingebungen, Träume, Visionen oder Prophetien bis hin zu Natur- oder Heilungswundern. Das Eingreifen Gottes ist dabei manchmal spektakulär und für jeden Beobachter sichtbar, manchmal aber eher verborgen.
Während die frühe Christenheit bis hin zu Martin Luther (1483–1546) weithin davon ausging, dass die Wunderberichte der Bibel als Berichte über faktische Ereignisse zu verstehen sind, entwickelte sich später in Theologie und Philosophie eine ganz andere Sicht. So schrieb der schottische Philosoph David Hume (1711–1776): „Ein Wunder ist ein Verstoß gegen die Naturgesetze.“ Für den Theologen Friedrich Schleiermacher (1768–1834) sind Wunder nur der religiöse Name für Begebenheiten, die religiös gedeutet werden. Es geht ihm nicht um das real erfahrbare Handeln Gottes, sondern um Begebenheiten, die in einem religiösen Kontext stehen.
Umdeutung von Wundern
Theologe Rudolf Bultmann (1884–1976) war der Auffassung, dass durch die Kenntnis der Kräfte und Gesetze der Natur „die Wunder des Neuen Testamentes als Wunder“ erledigt seien. Seine Ablehnung der Existenz von Wundern begründet mit der Naturwissenschaft. Doch wenn Gott in keiner Weise in der Natur oder am Menschen handeln kann, dann kann er auch keine Heilungen bewirken, keine Prophetien oder Weissagungen hervorbringen. Auch unser Gebet wäre eine Einbahnstraße. Denn wie sollte Gott in der Lage sein, die neuronalen Prozesse im menschlichen Gehirn zu beeinflussen, wenn der Mensch von seiner biologischen Beschaffenheit dafür gar keine „Antenne“ hat?
Wie hat es die Physik mit Wundern?
Für den Physiker ergibt sich, unabhängig von theologischen Argumenten, aber nun folgende Frage: Gibt es aus physikalischer Sicht Argumente gegen die Möglichkeit eines Eingreifens Gottes in die Welt? Dazu müssen wir zunächst verstehen, was es mit den Naturgesetzen auf sich hat. Naturgesetze treffen (mathematisch formulierte) Aussagen darüber, wie Dinge sich unter bestimmten Bedingungen verhalten. Dabei muss man sich darüber im Klaren sein, dass Naturgesetze selbst keine Substanz haben, sondern „nur“ Kräfte und das Verhalten von Substanzen beschreiben. Diese Beschreibungen sollten möglichst universell sein. Sie sollten zum Beispiel sowohl die Bewegung von Äpfeln als auch Planeten möglichst präzise beschreiben. Für unser Thema ist es dabei wichtig, zu verstehen, dass das konkrete Ereignis (also etwa die Bewegung eines fallenden Apfels) von der Ausgangsbedingung (also der konkreten Situation) und dem Naturgesetz abhängt. Beides lässt sich mathematisch klar beschreiben. Zudem gibt es nicht nur ein einziges Naturgesetz, sondern eine ganze Reihe, die alle einen bestimmten Gültigkeitsbereich haben. So gilt die sogenannte klassische Mechanik zwar für den größten Teil der Objekte des täglichen Lebens, wie Äpfel oder Autos: Zur Beschreibung sehr kleiner Objekte, wie beispielsweise Atome, oder sehr schwerer Objekte, etwa Schwarze Löcher, braucht man aber andere Gesetze wie die Quantenmechanik oder die Relativitätstheorie.
Naturgesetze und ihre Grenzen
Weit verbreitet ist die Meinung, Naturgesetze müssten doch irgendwie alles bestimmen; alle Vorgänge seien durch eine Kette von Ursache und Wirkung genau festgelegt wie in einem Uhrwerk, philosophisch gesprochen: „determiniert“. Aber das ist aus mehreren Gründen falsch. Naturgesetze bestimmen nicht, was passiert, sondern beschreiben, wie etwas passiert, wenn es unter bestimmten Umständen geschieht – also wie sich, um im Beispiel zu bleiben, ein Apfel bewegt, wenn ich ihn werfe. Ob und wie ich ihn werfe, kann kein Naturgesetz vorhersagen. Zudem zeigt uns schon die Unsicherheit der Wettervorhersage, dass eine vollkommen exakte Beschreibung von Naturvorgängen nicht möglich ist. Niemand kann mit Sicherheit vorhersagen, ob es in vier Wochen an einem bestimmten Tag regnen wird oder nicht. Und das ist ein grundsätzliches Problem und nicht eine Frage der Rechenleistung. Wenn man, wie Bultmann, zusätzlich behauptet, dass keine supranaturalen Mächte in natürliche Abläufe eingreifen können, spricht man philosophisch von „kausaler Geschlossenheit“.
Kann Gott in die Welt eingreifen?
Manche, die trotzdem an Gottes Wirken in der Welt festhalten möchten, nehmen bei der Quantenmechanik Zuflucht, um noch eine Lücke für das Wirken Gottes zu finden. Das ist aber nicht nur fragwürdig, sondern auch gar nicht nötig. Denn die eigentliche Frage ist: Kann man aus der Physik heraus zeigen, dass die Welt kausal geschlossen ist? Nehmen wir zum Beispiel die klassische Mechanik, die beschreibt, wie ein Stein sich bewegt, wenn eine Kraft auf ihn einwirkt. Woher diese Kraft kommt, spielt für die Bewegung keine Rolle. Wenn Gott oder Engel in die Welt eingreifen, indem sie Kräfte wirken lassen, dann werden dadurch keine Naturgesetze „gebrochen“. Die Behauptung, Gott könne nicht in die Welt eingreifen, gehört nicht in den Bereich der Physik, sondern zu den philosophischen Vorannahmen, die an die Physik herangetragen werden.
Als Beispiel für ein solches Eingreifen soll hier ein bekannter neutestamentlicher Bericht dienen: Im Anschluss an den Bericht über die Kreuzigung Jesu heißt es in Matthäus 28,1–2: „Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.“ Nun könnte man meinen, dem Problem des Eingreifens des Engels dadurch ausweichen zu können, dass es ja ein großes Erdbeben gab, das den Stein bewegt haben könnte. Das verschiebt aber nur das Problem: Denn dann müsste der Engel ja zur rechten Zeit ein Erdbeben hervorgebracht haben, was aber einen noch größeren Eingriff darstellen würde.
Kein Widerspruch zur Physik
Die Vorstellung, Gott könne keine Wunder bewirken, beruht also sowohl auf einem Missverständnis über das Wesen von Naturgesetzen als auch auf einer Verwechslung von physikalisch begründeten Aussagen und weltanschaulichen Vorannahmen. Abschließend möchte ich betonen, dass es mir an dieser Stelle nicht um eine theologische Diskussion über Wunderberichte geht und auch nicht um ihre allgemeine Deutung oder Erklärung generell. An dem genannten Beispiel aus Matthäus 28 soll vielmehr deutlich werden, dass die Natur entsprechend den Kräften, die auf sie einwirken, reagiert, egal woher diese kommen. Die Behauptung, „die Physik“ oder „die Naturgesetze“ würden ein Eingreifen Gottes in die Welt verbieten, ist daher unbegründet.
Prof. Ralf B. Bergmann
… ist Physiker. Er lehrt an der Universität Bremen und ist Institutsleiter eines außeruniversitären Forschungsinstituts. Zudem ist er u. a. 1. Vorsitzender des „Professorenforums e. V.“, Redner zu Themen im Kontext von Wissenschaft, Glauben und Gesellschaft, Autor des Buches „Gott und die Erklärung der Welt – Christlicher Glaube oder atheistische Weltanschauung: Was ist vernünftiger?“.
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Wunder gibt es immer wieder
Warum wir Gott auch Wunder zutrauen müssen – Kommentar von Dennis Pfeifer
„Wunder gibt es immer wieder“, sang Katja Ebstein in einem berühmten Schlager. Der Ohrwurm ist Ausdruck einer Sehnsucht in uns: Die diesseitige Welt ist nicht alles. Es gibt eine Macht, die größer ist als wir Menschen.
„Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“ soll der erste israelische Ministerpräsident und Staatsgründer David Ben-Gurion (1886–1973) gesagt haben. Und tatsächlich, wer die Geschichte Israels betrachtet, kommt mit rein innerweltlichen Erklärungen an seine Grenzen. Wir Christen glauben daran, dass Gott in unser Weltgeschehen eingreift und Wunder tut.
Was bliebe ohne Wunder?
Doch dieser Glaube an Wunder ist in unserer Gesellschaft inzwischen erodiert. Das zeigt eine aktuelle IDEA-Umfrage: Nur 28 Prozent glauben, dass Gott durch Wunder eingreift. 49 Prozent verneinen das. Unter evangelisch-landeskirchlichen Befragten lehnen 43 Prozent solche Wunder ab. Das gibt zu denken. Aber es überrascht nicht. Seit der Aufklärung arbeitet die liberale Theologie daran, Wunder zu „entmythologisieren“. Der einflussreiche Theologe Rudolf Bultmann (1884–1976) behauptete: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen und gleichzeitig an die Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“ Die Speisung der Fünftausend? Ein „Teilungswunder“. Die Auferstehung? Ein symbolisches Geschehen. Es geht nur noch um Ethik und Gefühl, aber nicht um einen lebendigen Herrn.
Doch wenn Theologie und Kirche Wunder ablehnen, warum sollte man dann noch an Gott glauben? Wenn man das „Übernatürliche“ streicht, was bleibt dann noch übrig außer ein bisschen Moral und Lebenshilfe?
Gott entzieht sich der Naturwissenschaft. Er bleibt ein Geheimnis, das sich nur im Glauben erschließt. Christen glauben an einen Gott, der in die Welt eingreift, weil er ihr Schöpfer ist und über ihren Gesetzen steht. C. S. Lewis (1898–1963) brachte es auf den Punkt: Wenn Gott das Universum erschaffen hat, ist die Frage, ob er eingreifen kann, keine ernsthafte Frage mehr. Auch der Apostel Paulus ist eindeutig: „Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig“ (1. Korinther 15,17). Das leere Grab ist das Fundament der Kirche. Nicht symbolisch, sondern leibhaftig.
Gott ist souverän
Aber ebenso klar gilt: Wunder lassen sich nicht erzwingen. Nicht durch intensiveres Beten, nicht durch stärkeren Glauben, nicht durch die richtige geistliche Technik. Gott ist souverän. Er ist kein Automat, den man mit genügend Gebetsmünzen füttert. Er entscheidet, wann, wo und wie er eingreift – nach seinem Ratschluss, nicht nach unserem. Sein Wille geschieht. Wer anderes lehrt, setzt Menschen geistlich unter Druck. Dann wird das Evangelium zum Leistungsprogramm.
Wunder gibt es immer wieder. Wer sie grundsätzlich ausschließt, macht Gott kleiner, als er ist. Ein Gott, der nicht handeln kann, ist unrealistisch.
Dennis Pfeifer
ist Leiter der Ev. Nachrichtenagentur IDEA in Wetzlar.
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